Montag, 4. September 2017

Die Nacht oder die Preußen – Rückblick auf den 200.Jahrestag der Schlacht von Waterloo

Ja, die Waterloo-Jahrestage: 1915 befand sich Europa im Ersten Weltkrieg. 1965, 150 Jahre danach, im Kalten Krieg. Nun, 200 Jahre nach der historischen Schlacht, sollte das Jubiläum endlich angemessen begangen werden. Ohne Zweifel: Reenactements hat Waterloo regelmäßig gesehen. Doch was sich der Gedenkverein VoG Bataille de Waterloo 1815 diesmal vorgenommen hatte, stellte alles in den Schatten: 5000 Statisten, 300 Pferde und 100 Kanonen ließen die Schlacht am 19. und 20. Juni 2015 noch einmal auferstehen. Hinzu kamen Ausstellungen, Feldlager und Lichtanimationen, die den Beobachter auch atmosphärisch in die Zeit des frühen 19. Jahrhunderts zurückversetzen sollten. Am Ende würden einige Zuschauer das Reenactement womöglich mit Dino de Laurentiis Leinwand-Epos „Waterloo“ von 1970 messen. Konnte das auch ohne Christopher Plummer, Rod Steiger und Orson Welles in den Hauptrollen gelingen?

Bildergebnis für waterloo reenactment
Zum Jubiläum der Schlacht 2015 gab es ein spektakuläres Reenactement

Das Schlachtfeld heute

Das Schlachtfeld von Waterloo ist in Struktur und Bauten sehr gut erhalten. Anders als in Leipzig (1814) oder Minden (1759) ist die Walstatt in Belgien landschaftlich optisch noch nachvollziehbar. Der Kampfplatz liegt an der Straße von Charleroi nach Brüssel. Deutsche Touristen nähern sich meist von Norden aus Holland oder von Osten aus dem Aachener Raum und Lüttich.

Die meist internationalen Gäste lassen die anderen Schauplätze des Waterloo-Feldzuges vielfach links liegen: Dabei trafen die Armeen Napoleons und der Alliierten 1815 in kurzen Abständen bei Ligny, Wavre und Quatre Bras aufeinander. Doch die Besucher zieht es oft sofort nach Waterloo, der Schlacht, die wie keine andere für endgültiges menschliches und militärisches Scheitern steht.

Waterloo selbst ist ganz auf den Schlachtfeld-Tourismus eingestellt. Ein Wellington-Museum, Gastronomie und Andenkenläden erwarten die Gäste. Eine Sonderedition Wein, Magnete, Schlüsselanhänger, T-Shirts, Kappen und sogar Comics: Es sind teils skurrile Devotionalien, die der Besucher erwerben kann. Nach mehrstündiger Autofahrt vom Niederrhein entscheide ich mich für einen Brieföffner und ziehe zu Fuß weiter. Parkplätze sind rar an den Tagen des Jubiläums…

Nähert sich der Besucher dem Gefechtsort, dann fällt zunächst das Löwendenkmal ins Auge. 45 Meter hoch hat es die niederländische Regierung an der Stelle errichten lassen, wo Prinz Wilhelm von Oranien verwundet wurde. Ich bezahle den Eintritt und steige, wie schon oft, die Stufen zum Löwen hinauf. Wer außer Atem die Spitze erreicht, dem bietet sich ein einzigartiger Blick auf das Schlachtfeld. Eine Tafel zeigt die Schlachtordnung und die Schlüsselplätze der Auseinandersetzung. Dort in der Mitte, La Haye Sainte, umkämpft den ganzen Tag, dahinter La Belle Alliance, Treffpunkt von Blücher und Wellington am Abend, zur Rechten Hougoumont, Ziel des französischen Angriffs zum Auftakt der Schlacht. An diesem Tag fallen zusätzlich das Camp der Statisten und die riesigen Tribünen für das Reenactement ins Auge. Der Rest des Feldes sind Äcker, Wiesen und Hohlwege. Die Orte und Plätze lassen das Inferno des 18. Juni nur ahnen: Pferdegetrappel, Rauchschwaden, Salven, Kanonendonner, die heiseren Befehle der Offiziere…


Wer das nachempfinden will, steigt den Löwenhügel wieder herab. In einem Kuppelsaal am Fuße des künstlichen Berges werden Bilder, Gegenstände und Geräusche zu einer Collage der Schlacht animiert. Wer sich näher informieren will, sollte die Literatur im Shop nicht außer Acht lassen. Übrigens: Wer das Gefechtsfeld näher und im weiteren Umkreis erkunden möchte, tut das am besten zu Fuß oder mit dem Rad. Der Weg führt den Besucher dann nach Papelotte zur Linken des Löwen oder nach Plancenoit, dem Standort des preußischen Denkmals. Viele Briten dagegen besuchen den Gedenkstein der „Inniskillings“, eines irischen Regiments in der britischen Armee, das bei Waterloo kämpfte. Die Franzosen zieht es nach Le Caillou, dem letzten Hauptquartier Napoleons als Befehlshaber von Streitkräften. Das Gebäude brannte nieder und wurde wieder aufgebaut. Ich entscheide mich für Hougoumont: Arg verfallen war es lange Zeit, nun soll es zum Jahrestag einen guten Eindruck machen. Viel Zeit bleibt nicht, denn um 20:00 Uhr beginnt das Reenactement, „Der französische Angriff“.

Der französische Angriff: Das erste Reenactement

Schon vom Löwenhügel aus sah die Tribüne beeindruckend aus. Nun sammeln sich auf den Plätzen, die sich über einen Kilometer erstrecken, 60.000 Zuschauer, wie von den Organisatoren zu erfahren ist. Im Gegensatz zum Jahre 1815 ist es trocken. Ab 38 Euro haben die Tickets gekostet. Das Event ist seit Monaten ausverkauft. Die Interessenten sind aus aller Welt angereist. Darunter sind auch Menschen, deren Vorfahren in Waterloo kämpften.

Die Erwartungen sind hoch an diesem Tag. „Geschichte erleben!“ Dieses Argument steht bei Statisten und Besuchern als Hauptmotivation ganz oben.  Die Zeit bis zum Beginn des Reenactements lässt sich nutzen, um einige Zahlen zu ermitteln: 2.500 kg Schwarzpulver, 100 Ballen Stroh, 30 Stallknechte und ein Tierarzt, 350 historische Gruppen sind aufgeboten. Der Sprengstoff und die Kabel für die Lautsprecher wurden in eigenen Gräben verlegt und mit Torf bedeckt. Ein Küchenzelt für 8000 Gäste und 200 Toiletten schafften die Organisatoren heran. Sicherheitsdienste für die prominenten Gäste standen bereit, denn schließlich waren sogar die Nachfahren von Bonaparte, Wellington und Blücher angereist.

Die statistische Analyse wird plötzlich unterbrochen. Die Uhr zeigt 20:35. Die „französischen“ Kanonen beginnen zu feuern. Auf dem verkleinerten Nachbau des Schlachtfeldes ist die Schlachtordnung des 18. Juni 1815 nachgestellt. Hougoumont mit roten Farben und La Haye Sainte mit weißen „Steinen“ sind deutlich zu erkennen. Die Straße, die das Schlachtfeld teilt, wurde ebenfalls in die Landschaft eingearbeitet. Der Abschuss der Kanonen ist deutlich in den Beinen zu spüren. Rauch hüllt das Gefechtsfeld ein. Jetzt beginnt mit dumpfem Trommelschlag der französische Vormarsch, Takte der Carmina Burana sind zu hören. Nur die Kinder im Publikum verfolgen das Spektakel noch unbefangen. Viele Erwachsene dagegen ringen sichtlich mit ihrer Fassung, sie ahnen wahrscheinlich, welches Gemetzel vor 200 Jahren seinen Anfang nahm…

Kenner der Schlacht sind in den kommenden Stunden damit beschäftigt, die Szenen mit den realen Ereignissen zu verbinden. Ein wenig spiegelt sich der verwirrende Ablauf einer Napoleonischen Schlacht im Geschehen wider. Wie riesige Schachfiguren bewegen sich die Formationen der Franzosen auf Hougoumont zu, „Plänkler“, einzelne Schützenreihen voran. Überraschung lösen bei vielen Zuschauern Frauen und Kinder aus, die den „Regimentern“ in die Schlacht folgen. In Kriegsfilmen der Zeit ist das nie zu sehen. Doch tatsächlich waren die Frauen für die Erstversorgung der Verwundeten zuständig. So überrascht es nicht weiter, dass die älteste Überlebende eine 95-jährige Britin war, die erst 1905 starb. Sie hatte ihrer Mutter bei der Versorgung ihres verwundeten Vaters geholfen und war am Schlachttag erst 5 Jahre alt.

Immer wieder liefert die Moderation des Reenactements wissenswerte Details des Kampfes. Die Plünderung der Opfer gehört zu den finstersten Kapiteln. Sie begann noch in der Nacht. Grauenhaft war auch das Leiden der Pferde. „Ein Pferd“, so wird ein britischer Offizier zitiert, „erregte mein schmerzlichstes Interesse. Es hatte beide Hinterbeine verloren. Die ganze Nacht blickte es umher, als erwarte es Hilfe und stieß immer wieder ein langes melancholisches Wiehern aus.“

Um 21:20 Uhr setzen die Franzosen ein weiteres Mal zum Angriff auf Hougoumont an. Teile des Nachbaus gehen dabei zu Bruch. Nachgestellt werden auch der Angriff Marshall Neys und die legendäre Bildung von Karrees durch die Briten. Neys Kavallerieangriff ohne Unterstützung der Infantrie gilt als schwerer, vielleicht entscheidender, taktischer Fehler. Das Reenactement kommt hier an seine Grenzen. Weder Tempo noch Ausmaß der gewaltigen Attacke sind auch nur im Ansatz darstellbar. Im Film 1970 dagegen ist die Szene von unglaublicher Wucht nachgestellt worden und es fällt nicht schwer, Gerüchte über reale Todesopfer bei den Dreharbeiten zu glauben.

Ein Höhepunkt des Reenactements ist schließlich der Angriff auf La Haye Sainte.  La Haye Sainte wurde vom 2. leichten Bataillon der King's German Legion (Königlich Deutsche Legion) besetzt. Nun haben die Statisten der Formation sichtlich Mühe, den Komplex zu halten. Immer wieder feuern die Linien beider Seiten. Gut zu erkennen ist der komplexe Ladevorgang der Musketen. Die Liebe zum Detail ist ein echtes Plus bei diesem Ereignis. Im Film 1970 geht das oft unter.

Weder im Film noch im Reenactement zu sehen ist die Wirkung der Artillerie. Kanonenkugeln prallten oft auf und „hüpften“ einige Male, bevor sie in die dichten Reihen der Battalione einschlugen. Nur im Film „Der Patriot“ ist dies erstmals im Trick dargestellt worden. Haubitzen verschossen Granaten, mit Pulver gefüllte eiserne Hohlkörper, die nach dem Abbrennen einer Zündschnur explodierten: Vor dem Ziel, über dem Ziel oder dahinter, beim nassen Boden in Waterloo oft gar nicht. In Filmdarstellungen ist die Explosion der Granaten wahrscheinlich oft übertrieben dargestellt worden. Sicherlich wäre es lohnenswert, im Rahmen experimenteller Archäologie die Explosion ein pulvergefüllten Granate aus der Zeit Napoleons nachzustellen.  Absolut vernichtend war übrigens der Abschuss von Kartätschen. Wie eine Traube waren die Kugeln auf einem Brett, dem „Spiegel“, montiert. Sie zersprangen beim Austritt aus dem Kanonenrohr und wirkten in den Reihen der Angreifer wie ein Schrotschuss. Es ist keine Phantasie notwendig, die Wirkung dieser Geschosse auf die Soldaten beim Fehlen jeglicher Anästhesie nachzuvollziehen…

Teil des Reenactements ist auch der Einsatz der „Scots Greys“ der britischen Kavallerie. Die Teilnahme dieser Formation gehörte zu den Wünschen der Veranstalter und tatsächlich reiten die „Furcht erregenden Männer auf ihren Grauschimmeln“ an beiden Tagen „in die Schlacht“.

Die Veranstalter haben auch Details in die Schlacht eingebaut. So wird um 21:57 Prinz Wilhelm von Oranien „verletzt“ vom Schlachtfeld geborgen. Mit dem Angriff der „Alten Garde“ neigt sich das Ereignis dem Ende zu. Wie in der Realität kontern die Rotröcke den Angriff mit Flankenfeuer. Und so bewahrheitet sich, was Clausewitz über Schlachten im napoleonischen Zeitalter schrieb: Sie brennen langsam ab, bis nur Schlacke übrig bleibt.

Am Ende kommt Bonaparte, dargestellt von Frank Sanson, 47 Jahre, Anwalt aus Orleans höchstselbst vom Hügel herunter. Ihm stehen gegenüber Klaus Beckert als Blücher, ausgewählt wegen seiner Ähnlichkeit und seiner Reitkunst. Schließlich Alan Larson als Wellington, Eloquenz und britischer Humor eingeschlossen. Sein Zitat fasst die Schlacht von Waterloo vielleicht am besten zusammen: „Nach einer verlorenen Schlacht ist eine gewonnene Schlacht das traurigste, das es gibt!“

Der französische Offizier Pierre Cambronne fasste sich noch kürzer: “Merde – Scheiße!“, soll er auf die Aufforderung zur Aufgabe geantwortet haben. Und so endet um 22:15 der Tag in Waterloo. Nach dem Reenactement ist diesmal vor dem Reenactement. Morgen beginnt der „Gegenangriff der Alliierten“. Doch das ist eine andere Geschichte.

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